Sprechende Vögel in der europäischen Erzählkultur: Nibelungen Grimms Märchen Kärntner Sagen :
Sprechende Vögel in der europäischen Erzählkultur

Wir finden typisch europäische Motive, europäischen Mythos und europäische Archetypen

 

in "Schneewittchen" ein Märchen von den Gebrüdern Grimm1a)

 

Viele Motive und Grundsituationen des Menschen finden sich in dem Märchen "Schneewittchen", die auch in vielen anderen Werken der europäischen Erzählkultur ausformuliert werden.

 

Ein Motiv sind die Farben weiß-rot-schwarz.

'hätt ich ein Kind so weiß wie Schnee, so rot wie Blut, und so schwarz wie das Holz
an dem Rahmen.' heißt es bei den Gebrüdern Grimm.

"Ach", seufzte die Königin, "hätte ich doch nur ein Kind, so rot wie Blut, so weiß wie Schnee und so schwarz wie Ebenholz!" 2a)   lässt Bechstein die Königin in seinem Märchen "Schneeweißchen" sagen.

 

Parzival denkt an seine Frau Kondwiramur "so weiß wie Schnee, so rot wie Blut, so schwarz wie Ebenholz", als er fern ist von ihr und deshalb in Traurigkeit versinkt.

 

Welches menschliche Urelement steckt in dieser märchenhaften Situation? - Vielleicht die Bindung von etwas Gegenständlichen (wie ein Foto, ein Sakralgegenstand) zu einer tiefen menschlichen Beziehung, zu einem sehr ersehnten Wunsch, zu etwas Heiligem.

 

Die drei Farben "weiß (wie Schnee), rot (wie Blut), schwarz (wie Ebenholz) scheinen in Märchen, Sagen und in der europäischen Erzählkultur eine mythische Bedeutung zu haben:  Die Formulierung "weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz", bekannt aus dem Märchen "Schneewittchen"4), als sich die Königin ein Baby wünscht, mit schneeweißen Wangen, blutroten Lippen und ebenholzschwarzen Haaren, kommt also auch in anderen Sagen und Märchen vor. Ein Bluttropfen fällt in den Schnee, als sie an ihrem Nährahmen aus Ebenholz näht. Parzival 6)versinkt in Sehnsucht und Trauer nach seiner Frouwe und Königin Konduiramur,5) als aus dem schwarzen Gefieder eines kämpfenden Vogels ein Blutstropfen in den Schnee fällt. In dem Märchen von Sinéad de Valera "The Verdant Valley"9) wünscht sich ein junger Mann eine Ehefrau mit Haaren schwarz wie das Gefieder der Krähe8), rot wie die Beeren der Stechpalme und weißen Wangen wie der Schnee. Sowohl Ebenholz,7) die Stechpalme10) wie auch die Krähe, die eine Darstellung der Todesgöttin, der Göttin der wilden Leidenschaft, Morrigan, ist, haben magische mythische Bedeutung. In William Butler Yeat`s Märchen "The twelve wild geese"11) verwandelt die Geburt eines Mädchen - so weiß wie Schnee, so rot wie Blut, so schwarz wie Ebenholz - ihre 12) Brüder in Wildgänse.

 

Die nächste Gemeinsamkeit ist natürlich der Archetyp der bösen Stiefmutter. Die Gebrüder Grimm bieten zwei sehr ähnliche Märchen an: "Schneewittchen" und "Sneewittchen"3a). In "Schneewittchen" und "Sneewittchen", so scheint mir, ist in der bösen Stiefmutter der pure Neid dargestellt. Trotzdem stellt sich die Frage aus heutiger Sicht, ob die Todesstrafe, durchgeführt mit solcher Grausamkeit, gerechtfertigt ist. Aoife, die böse Stiefmutter in "Die Kinder des Lir", die dem ursprünglichen Geschehen wohl nächste Erzählung, wird in einen wilden Dämon verwandelt.4a) Das Schicksal der bösen Stiefmutter in "Die sechs Schwäne" der Gebrüder Grimm 5a)  bleibt unerwähnt. Die böse Stiefmutter wird auch in dem spanischen Märchen "El palacio de Jarancón" in: Gaertner Lothar (Herausgeber): Cuentos populares Feutscher Taschenbuch Verlag 2012 thematisiert.

 

Kannibalismus kommt in Märchen und Sagen öfters vor. Das ist wohl ein Indiz, dass es in Europa einmal Kannibalismus gegeben hat. Bekannt ist der Menschen fressende Ogre 6a). Die böse Stiefmutter in "Schneewittchen" will sich aber wohl die guten, beliebt machenden Eigenswchaften des Mädchens einverleiben. Das kann wohl als Symbol gewertet werden für eine menschliche Beziehung, in der der eine des anderen Kraft aufzehrt, ohne etwas zurück zu geben. Es bleibt nur die Flucht, im Extremfall in "Schneewittchen" offensichtlich die Vernichtung des Gegners.

 

"Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?" fragt jeder einzelne Zwerg, als die sieben nach Hause kommen und merken, dass sie einen Gast haben. Die Sehnsucht, auf der einen Seite ein Recht auf das eigene Teller zu haben, auf der anderen Seite aber zu teilen, wird stilistisch in der selben Form ausgedrückt in     "Winnie the Poo" , in "Die sieben Raben", einem Märchen der  Gebrüder Grimm, und in "El palacio de Jarancón" in: Gaertner Lothar (Herausgeber): Cuentos populares Feutscher Taschenbuch Verlag 2012.

 

Ein altes Beispiel für das Schneewittchen-Motiv in der Europäischen Erzählkultur findet sich in der alten irischen Sage über Etain. Etain erregte die sexuelle Liebe ihres Pflegevaters Mider und damit den Hass ihrer Pflegemutter Fuamnach. Der Druide Bresal Etarlam half Fuamnach, Etain in eine Möwe zu verwandeln. 6b)

 

 


"Brüderchen und Schwesterchen" ein Märchen von den Gebrüdern Grimm 1b)

 

Auch in "Brüderchen und Schwesterchen" gibt es den Archetyp der bösen Stiefmutter.

Dieses Märchen verherrlicht die Geschwisterliebe.

Es stellt auch ein menschliches Verhalten dar, das auf den ersten Blick erstaunt: Das Brüderchen will hinaus aus dem häuslichen Schutz, um gejagt zu werden; nicht, um selbst zu jagen, sondern um gejagt zu werden. Immerhin kann das Schwesterchen das Brüderchen überreden, nicht ein Tiger, und nicht ein Wolf zu sein, und sie ist damit selbst nicht gefährdet. Sie stellt auch klare Regeln auf, dass die wilden Jäger, mit denen das Brüderchen Kontakt haben wird, um dem Alltagstrott zu entkommen, sie selbst nicht erreichen können. Rotkäppchen verlässt auf Anraten des Wolfes die häusliche Sicherheit und wird dafür bestraft.

 

Das Schwesterchen bestimmt die Regeln und das Brüderchen fragt um Erlaubnis. Das Schwesterchen "band ... sein goldenes Strumpfband ab und tat es dem Rehchen um den Hals und rupfte Binsen und flocht ein weiches Seil daraus.
Daran band es das Tierchen und führte es weiter ..." .Das Band und das Seil sind bezeichnend für das weitere Verhalten des Schwesterchen.

»Ach ja«, antwortete das Mädchen, »aber das Rehchen muss
auch mit, das verlass ich nicht.« Sprach der König: »Es soll bei
dir bleiben, solange du lebst, und soll ihm an nichts fehlen.«

Als das Schwesterchen dem König das Ja-Wort gibt, darf es das Rehlein, das Brüderchen, mitnehmen und bei sich behalten, solange sie lebt. Das heißt, das Wohlergehen des Rehlein ist an seine Nähe zum Schwesterchen gebunden. Ist das nicht auch eine Ursituation des Lebens? Ist unser Wohlbefinden in Teil-Bereichen des Lebens nicht immer an andere Personen gebunden? -

 

Die junge Frau, die nicht auf den Prinzen warten soll, ist ja schon sprichwörtlich. So folgt auch das Mädchen dem König willig. Auf Märchen kann dieses Sprichwort aber zu Recht sich nicht beziehen - die Prinzen und Könige verhalten sich zu Weilen äußerst ungeschickt und zerstörerisch, so auch in "Brüderchen und Schwesterchen": Der König lässt sich zum Schaden des Schwesterchen nur zu leicht von der bösen Stiefmutter und der Stiefschwester austricksen.

 

"Rotkäppchen" ein Märchen von den Gebrüdern Grimm 1b)

 

Siehe auch "Der böse Wolf" auf dieser Jimdo-Seite:

http://irish-fairies.jimdo.com/der-b%C3%B6se-wolf-und-andere-wilde-tiere/der-b%C3%B6se-wolf/

 

Das Märchen stellt den Konflikt zwischen dem unschuldigen naiven Opfer, nämlich Rotkäppchen, und einem listigen, hinterhältigen Aggressor, nämlich dem Wolf, dar. Das ist eine Interpretationsebene. Im Märchen des französischen Märchen-Sammlers Perault bleiben Rotkäppchen und die Großmutter verschlungen; es findet keine Befreiung statt. Laut Verena Kast müsste das Rotkäppchen des Grimm-Märchens lernen, sich mit dem Wölfischen auseinander zu setzen. Inwieweit? Jeder hat seine Grenzen, weiter oder enger gesetzt, über die er nicht mehr "Blumen sammeln" geht und hinter der er sich nicht mehr des Wolfes erwehren kann. Und wie hält man den Wolf ab, Angehörigen zu schaden?

Verena Kast schreibt, dass, gerade weil Rorkäppchen nicht gelernt hat, Grenzen zu überschreiten, sie die Gefahr nicht erkennt, als sie immer noch mehr Blumen haben will.

 

Archetypisch wird in diesem Märchen ein Mensch dargestellt, der sich, halb unwissend, in Gefahr begibt. Typisch für das 19. Jahrhundert - Gebrüder Grimm - ist der moralisierende Hintergrund. Perault wirkte im 17. Jahrhundert. Seine Märchen sind der brutalen Realität - ähnlich wie die irischen Sagen - näher.

 

Rotkäppchen begibt sich aus der häuslichen Sicherheit, weil sie durch den Wolf auf die schönen Blumen aufmerksam wird. Das Reh in "Brüderchen und Schwesterchen" würde es in der häuslichen Sicherheit nicht aushalten - es will von den Jägern gejagt werden und verhilft damit seiner Schwester zum Glück.

 

Das Märchen lässt  eine ehrliche Beziehung auf gleicher Augenhöhe zum Männlichen außer Acht. Das ist dem Märchen "Rotkäppchen" vorgeworfen worden. 2b) Der Wolf ist der Aggressor und der Jäger der Beschützer. Es wird "keine verbindliche Beziehung zum Männlichen eingegangen".

Laut Verena Kast ist Rotkäppchens Mutter die Beschützende, der Wolf der böse Aggressor, der Jäger der männliche Schutz, und Rotkäppchen diejenige, die sich, wohl um der schönen Blumen willen, aber unerlaubterweise aus dem sicheren Bereich herausbegibt und damit auch die Großmutter in Gefahr bringt.

Das ist die historische Ausformulierung des Mythos im Märchen des 19. Jahrhunderts: Im 19. Jahrhundert waren Männerwelt und Frauenwelt noch weitgehend getrennt. Dabei ist es eine menschliche Ursituation, dargestellt im europäischen Mythos.

 

In der irischen Sage von Sinéad de Valera "The Mountain Wolf" ist der Wolf ein zwar fehlerhaftes, aber unglückliches, liebes Wesen.

 

Spanische Märchen sind, ähnlich wie die irischen, realistischer als andere Märchen und Sagen der Europäischen Erzählkultur, fallweise aber auch grausamer. 4) Die archetypische Situation des Mädchens, das sich für vergoldete Nichtigkeiten verkauft, den abgelehnten Geliebten im Werber nicht erkennend, wird im spanischen Märchen "Il conde Abel y la princesa" viel brutaler ausformuliert als in "Der Schweinehirt" der Gebrüder Grimm. Das sind Varianten in der europäischen Erzählkultur. Ein weiteres Märchen der Europäischen Erzählkultur mit diesem Motiv, aber Varianten im Charakter und in den Entscheidungen, ist "König Drosselbart".

 

Sprechende Vögel in der europäischen Erzählkultur: Bekannt ist, dass Siegfried, letztlich der Gegenspieler der  Nibelungen, von Vögeln vor dem Zwerg Mime, bei dem er das Schmiede-Handwerk gelernt hatte, gewarnt wurde. Der Zwerg Mime trachtete ihm nämlich nach dem Leben, weil er ihm zu mächtig wurde. Siegfried verstand die Sprache der Vögel durch sein Bad im Drachenblut.

In "Aschenputtel" wird der Prinz von Vögeln vor der falschen Braut gewarnt, und die Vögel helfen Aschenputtel, der richtigen Braut.

Im beiliegenden Märchen Springendes Wasser, sprechender Vogel, singender Baum warnt auch ein Vogel vor Gefahren.5b)

Im irischen Märchen "Cliona´s Wave" trifft das Findelkind, Prinz Donal, auf einer wunderschönen Insel auf sprechende Vögel. Um das Märchen in die Europäische Erzählkultur einzuordnen, habe ich es unter "Donaunixen" auf dieser Jimdo-Seite behandelt.

 

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%89amon_de_Valera 30.4.13

2) Sinéad de Valera:"Irish Fairy Tales" Pan Books Ltd London 1973

3) Sinéad de Valera:"Irish Fairy Tales" Pan Books Ltd London 1973  Seite 32

4) http://de.wikipedia.org/wiki/Schneewitchen   21.5.13

5) http://no.wikipedia.org/wiki/Kondwiramur      21.5.13

6) http://no.wikipedia.org/wiki/Parsifal       21.5.13

7) http://de.wikipedia.org/wiki/Ebenholz   21.5.13

8) Die Bedeutung der Krähe als Saymbol des Todes, der Einsamkeit, der Leidenschaft, Morrigan, wird ausführlich auf dieser Jimdo-Seite geschildert unter "Helden der Sidhe-Sagen" und "Europäische Erzählkultur".

9) Sinéad de Valera: "The Verdant Valley" In: Sinéad de Valera: "Fairy Tales of Ireland" New English Library London 1967 Seite 87

10) http://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4ische_Stechpalme  21.5.13

11) Yeats, W.B.: "Fairy and Folk Tales of Ireland" Verlag Collin Smythe Limited Gerrards Cross  1973    Seite 255

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1a) http://de.wikipedia.org/wiki/Schneewittchen       16.6.13

2a) http://www.labbe.de/lesekorb/index.asp?themaid=59&titelid=196        17.6.13

3a) Gebrüder Grimm: "Kinder- und Hausmärchen" Thienemann 1989

4a) http://www.parforce-soft.de/Mythen/seiten/lir.html     21.6.13

5a) Gebrüder Grimm: "Kinder- und Hausmärchen" Thienemann 1989

6a) http://de.wikipedia.org/wiki/Oger   23.6.13

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1b) http://de.wikipedia.org/wiki/Br%C3%BCderchen_und_Schwesterchen 30.6.13

2b) Kast, Verena: "Märchen als Therapie" dtv 1989

3b) Sinéad de Valera: "Irish Fairy Tales" Pan Books 1975 Seite 88

4b) Gaertner, Lothar (Herausgeber): "Cuentos populares españoles" Deutscher Taschenuch-Verlag 2012

5b) Quelle:

Heinrich Pröhle: Kinder- und Volksmärchen. Leipzig 1853, S. 10-16.

Permalink:

http://www.zeno.org/nid/20005496047

http://www.zeno.org/Literatur/M/Pr%C3%B6hle,+Heinrich/M%C3%A4rchen/Kinder-+und+Volksm%C3%A4rchen/3.+Springendes+Wasser,+sprechender+Vogel,+singender+Baum


Beide 11.6.2014

 

6b) Löpelmann, Martin: Erinn Rudolf Röhrer Verlag  Brünn, München Wien o.J.

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